Etwas bleibt

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Aus dem Radio dröhnt laut Musik.
Lauter, immer lauter dreht sie die Töne auf. Töne, die tief in ihre Seele dringen.
Sie singt mit, laut, immer lauter und sie möchte schreien, alles herausschreien, was in ihr bebt.

Manchmal gelangt sie an diesen Punkt, an dem es fast nicht mehr auszuhalten ist und dann muss es raus, all der Schmerz der seelischen Wunden, die nicht geweinten Tränen, auch Wut.
Alles was in ihr lebt und doch nie gelebt wurde, unterdrückt dahin schwelt wie ein Schwelbrand, der alles mit der Zeit verkohlt und zerstört, bis alles in Asche zerfällt.

Aber nein, nicht alles zerfällt, es bleibt etwas übrig. Immer bleibt etwas übrig, solange das Leben weitergeht.

Verflixt nochmal, immer diese Auslöser, die alles durcheinanderbringen, was sonst so schön versucht wird, unter Kontrolle zu halten. Dabei weiß sie doch ganz genau, dass das nicht möglich ist. Sie weiß auch wie schädlich es ist, aber sie kommt nicht dagegen an.

Alles gerät aus den Fugen. Es scheint, die Welt gerät aus den Fugen, also warum sollte sie dann verschont bleiben. Sie ist schließlich ein winzig kleines Teil dieser Welt, dieses Lebens, dieses Seins und somit kann sie gar nicht verschont bleiben.

Das Radio ist still, keine Töne mehr zu hören. Langsam ebbt die aufgewallte Woge ab. Sie schaut aus dem Fenster und beobachtet die schnell dahinziehenden Wolken, die ein wenig blauen Himmel freischaufeln. Die Blätter der Bäume wiegen sich im Wind hin und her.

Was jetzt, fragt sie sich selbst. Ein neuer Wellenzyklus beginnt. Ebbe und Flut, kommt ihr in den Sinn. Die Flut, die alles überfluten kann, wenn sie über das Ufer tritt und alles wegschwemmt, alles Geröll mit sich nimmt und immer einen Weg findet, weiter zu fließen, bis alles wieder abebbt und verrinnt.

Vielleicht sollte sie das Radio wieder anschalten und tanzen, nach den Tönen, der Melodie, die sie im Rhythmus davon trägt, mal schnell, mal langsam, dann wieder wild ekstatisch. Alles aus sich herausschütteln im Drehen, bis nichts mehr bleibt.

Ach ja, etwas bleibt immer, fällt ihr wieder ein und das ist gut so. Schließlich scheint die Sonne auch immer wieder in den Tag hinein nach dunkler Nacht, nach jedem Unwetter und wärmt mit ihren Strahlen, bringt Licht und lässt neues Leben gedeihen.
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19 Kommentare zu “Etwas bleibt

  1. „…alles Unterdrückte steht eines Tages vor Deiner Tür… “

    Dieses „Auslösen“… dieses wiederkehrende Auslösen… eine dieser Wogen der Aufruhr … lässt Sie (hoffentlich) dereinst wie Phönix der „Asche“ ihrer Seele entsteigen…

    Sie findet den Weg!

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  2. „Etwas bleibt“ ist, so scheint mir, der Untergang des Moments. Halt die Fresse und beschwer dich nicht, es wird besser. Oder schlechter. Zumindest aber anders. Also schweige und funktioniere liebe Drohne.

    Manchmal ist da nichts. Nur kurz, nicht einmal wirklich messbar vielleicht. Und eigentlich kann da auch nicht nichts sein, denn sonst wäre es ja nicht. „Samstag morgen, habe kurz aufgehört zu existieren“ ist zwar ein guter Titel für eine Geschichte… aber kein Seinszustand.
    Und doch … ich empfinde „etwas bleibt“ nicht positiv. Es ist ein gut gemeinter Ratschlag um den niemand bittet. Oder doch, aber nur weil man das eben so tut?

    Wieviel Unglück lassen wie zu in unserem streben nach einer glücklichen Welt. Wieviel Regen darf unse strahlende Sommerwetterfantasie haben? Und wer sorgt sonst für Regenbögen?

    Ich mag den Text. Aber nicht die Relativierung am Ende, da sie dem vorherigen die Wahrheit und das Sein abspricht.

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    • Ich denke ich weiß was du meinst im letzten Absatz, auch ohne die vorherige Erklärung. Ich bin beim Schreiben der kleinen Geschichte selbst darüber gestolpert.
      Im letzten Absatz könnte sie einfach nur die Hoffnung meinen die bleibt und sich damit selbst beruhigen, weil sie an die schönen Momente des Lebens zurückblickt, die es ja immer wieder gab, die immer wieder aus dem Dunklen hervorleuchten. Es könnte aber auch etwas anderes gemeint sein, es bleibt die ewige Sehnsucht, die nicht abzustellen ist und auch nicht im Tanzen herausgeschüttelt werden kann. Sehnsucht, die Motor ist und antreibt und eben durch diesen Nicht-Stillstand weiterführt, weitergehen lässt, Fragen stellt und keine Ruhe gibt…auch wenn es manchmal nicht auszuhalten ist………

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      • Eben. Um auszuhalten schauen wir nach vorne oder nach hinten. Verklärung als Existenzsicherung.
        Können wir oder wollen wir nicht aushalten, was nicht auszuhalten scheint? Vergehen im Moment und all seiner Macht; ein Zersplittern ohne Rettung.
        Was, wenn es keiner Rettung bedarf? Nicht für diesen einen kleinen Moment. Wenn es einfach gut wäre, gerade auch wenn es nicht gut ist.

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  3. Manchmal ist einem so, dass man in laute Musik flüchten will oder muss. 🙂 Musik, die das eisige Schweigen im Kopf übertönt. Und ja, es bleibt immer etwas zurück. Was auch gut so ist. Es ist Teil unsere Lebens und fließt in die Erinnerung.
    LG, Eberhard

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