Kindheitserinnerungen II

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Ich stehe fröstelnd am Fenster.
Zwischen den noch kahlen Bäumen auf dem Friedhofsplatz
leuchtet verschwommen der Mond.
Auf den Gräbern flackern vereinzelt Lichter.
Vom Himmelszelt funkeln Sterne
in diese eine, fast klare, dunkle Nacht
dieser Besuchstage im Elternhaus.
Erinnerungen vermischen sich mit Jetzt-Blicken,
versetzen mich zurück in meine Kinderzeit.

Auch da stand ich oft lange fröstelnd nachts am Fenster,
ließ mich einfangen von Mondlichtstimmungen und Grabesstille,
bis mich die Müdigkeit überfiel und ich in den Schlaf sank.
Morgens weckte mich das Gurren der Holztauben
und die großen Uhus auf den Friedhofsbäumen stießen
ihren gespenstischen Schrei in die Stille,
bevor sie im Tageslicht verstummten.

Alles ist mir so vertraut, nur die Uhus gibt’s heute nicht mehr.
Weit in der Ferne rauscht ein Zug vorbei,
Autos rattern schneller und lauter über die unebene Straße. –
Der Tag erwacht, die Stimmungen der Nacht sind in mir verankert
und leben in mir, werden immer sein, egal an welchem Ort ich mich befinde.
Manches erscheint genauso, als wäre die Zeit stehengeblieben,
anderes im Außen und Drumherum hat sich verändert.
Die elementaren Fragen von damals bleiben bis heute
beim Blick in die Sterne, in die Weite.

Erinnerungen leben auf und verblassen wieder,
alles kommt und vergeht,
Gräber verschwinden, neue entstehen –
Leben und Tod
und über allem die Sterne,
ewiglich funkelnd in die Stille der Nacht.

Manchmal frage ich mich, ob es mich geprägt hat,
direkt neben dem Friedhof groß geworden zu sein,
mit Blick auf den Tod, das Vergehen, die Grabesstille,
das Spüren von Stimmungen und Leid,
bis hin zur Freude, der mit Blumen geschmückten Gräber,
die im Erblühen von Leben und Schönheit zeugen.
Es hat mir nie Angst gemacht, macht es auch heute nicht,
es ist gerade so, als wäre der Tod mir schon immer vertraut
mit seinem Geheimnis und in seiner Melancholie.
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24 Kommentare zu “Kindheitserinnerungen II

  1. Ich gehe gerne auf alten Friedhöfen spazieren.
    Wir waren früher auch manchmal nachts dort.
    Die Toten haben mir nie Angst eingeflößt.
    Ist es nicht ungeheuer tröstlich, dass die
    Sterne noch da sein werden, wenn es uns
    und die Erde schon lange nicht mehr geben
    wird? Wer sind wir Menschen denn schon
    vor der Unendlichkeit der Zeit? Nicht mal
    ein Wimpernschlag… 🙂

    Gefällt mir

      • Du sagst es – wie lächerlich muss das Tun der Menschenrasse auf diesem unbedeutende Planeten in einem Randbereich unserer Galaxie für einen Betrachter von außen wirken. Sie haben nichts besseres im Sinn, als ihre fragile kleine Welt systematisch zu zerstören und sich über Jahhrunderte ihren sinnlosen und mörderischen Kriegen hinzugeben. Wie armselig…die Erde wäre ohne Menschen sicher besser dran.

        Gefällt 2 Personen

  2. Ich weiß nicht, ob Melancholie allein durch die Umgebung entstehen kann, oder nicht irgendwie schon angelegt in uns ruht.

    Dein sehr schöner, gefühlvoller Text trägt eine Stimmung, die ich auch kenne.
    Und ich kenne dieses Schauen, wo ich weggleite und alles so vergänglich ist.

    Und das kenne ich auch schon von Kindheit an. Stunden saß ich oft am Rhein und schaute auf die Wellen, die vorbeiziehenden Schiffe.

    Und schon als Kind spürte ich diese seltsame Traurigkeit, die eher ein Bedauern war und friedliche Orte, wo man sich fern vom Alltäglichen fühlt, verstärkten es.

    Liebe Grüße,
    Frank

    Gefällt 2 Personen

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