Warum nur ist es so schwer?

Sie ist froh, voraussichtlich die letzte Spritze, der letzte Arztbesuch. Hoffentlich sind alle Blutwerte in Ordnung und nach langer Zeit und Terminen Woche für Woche, ein Ende absehbar.

Arzt: „Wir können die Behandlung abschließen, Ihre Werte sind bestens.“

Er bespricht mit ihr noch ein paar Dinge, füllt den Kurantrag aus und rät ihr in einem halben Jahr zur Kontrolle zu kommen.

Über so lange Zeit ist sie in die Praxis gefahren und hat mit ihm, während er gespritzt hat, über alles Mögliche gesprochen, vom Wetter, vom Urlaub usw.. Es war immer eine heitere, lockere Atmosphäre.

Jetzt  schaut sie ihn an und spricht tatsächlich aus, was sie in dem Moment denkt:

„Aber warum fühle ich mich trotzdem nicht wirklich besser?“

Dabei schießen ihr plötzlich und unerwartet Tränen in die Augen.
Er bemerkt es und reicht ihr verständnisvoll ein Taschentuch.

„Bei mir finden Sie immer ein offenes Ohr. Sie müssen jetzt an sich denken, nur das tun und machen, was Ihnen gut tut.“

Er schaut sie mit einem auffordernden Blick an, der bedeutet zu reden.

Sie beginnt zaghaft und merkt dabei, dass sie ihm vertraut, dass sie reden möchte, dass der Augenblick und die Stimmung dafür gegeben sind.
Doch dann, gerade als sie beginnt sich zu öffnen, als sich etwas in ihr öffnet, klopft es an der Tür.
Die Schwester gibt ein Zeichen, das Wartezimmer ist voll, die Besprechungszeit schon überschritten.

Das war eindeutig, beide erheben sich gleichzeitig und gehen zur Tür. Er gibt der Schwester noch kurz Anweisungen wegen des Kurantrages und schon ist er hinter der nächsten Tür verschwunden, ohne ein Wort, ohne sie anzusehen, ohne sich zu verabschieden.
Sie steht für ein paar Sekunden da wie angewurzelt, schaut ihm noch nach, verabschiedet sich von der Schwester und geht.
Dann steigt sie in ihr Auto, dreht die Musik laut auf und fährt zum Einkaufen. Das Leben muss ja irgendwie weitergehen.

Die Tränen in den Augen sind getrocknet, der Körper offiziell für gesund erklärt, nur ihre Seele weint still weiter.

Am Abend holt sie die Stimmung wieder ein. Sie weiß, es ist noch lange nicht vorbei und ihr fällt sinngemäß ein Spruch aus dem Thomasevangelium ein, welchen ein Freund ihr einst ans Herz legte:

„Wenn du hervorbringst, was in dir ist, wird das, was du hervorbringst, dich retten. Wenn du nicht hervorbringst, was in dir ist, wird das, was du hervorbringst, dich zerstören.“

Schon damals dachte sie dazu:

„Solange ich mich nicht selbst lebe, nicht lebe, was ich in meinem Herzen trage, nicht folge, wo es mich hinzieht, solange wird die Zerstörung und Krankheit wüten.“

Bis heute fragt sie sich:

„Warum nur ist es so schwer?“

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2 Kommentare zu “Warum nur ist es so schwer?

  1. Vielleicht ist es so schwer, weil wir meistens nicht angenommen werden so, wie wir sind. Manche Menschen machen zwar schöne Worte, aber leben sie nicht. Wie der Arzt, der dann am Ende nicht mal mehr grüßt. Und so viele andere … Ich kenne das leider auch. Dann verkrieche ich mich wieder in mir selbst. Und das ist nicht gut …

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    • Ärzte sind in ein System verzwungen, selbst wenn sie sich mehr Zeit nehmen möchten, können sie nicht.
      Mit annehmen hat es auch etwas zu tun, vor allem aber auch sich selbst annehmen, dazu stehen, für sein eigenes Geschick einstehen. Das ist mit sich selbst leben gemeint, aber genau das ist ja so schwer.
      Danke für deine Gedanken dazu.

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